Quelle: Cover und Bildzitate: Warner Bros.
Quelle: Cover und Bildzitate: Warner Bros.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Uhrwerk Orange, original: A Clockwork Orange (1971)

Warner Bros, Hawk Films; Blu Ray: Warner Home Entertainment; Produktionsland: Großbritannien, Länge: ca. 131

Minuten

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Darsteller Team
Malcom McDowell als Alexander DeLarge Regie: Stanley Kubrik
Godfrey Quigley als Gefängniskaplan Produktion: Stanley Kubrik
Patrick Magee als Mr. Alexander Drehbuch: Stanley Kubrik
Anthony Sharp als Innenminister Kamera: John Alcott, Stanley Kubrik
Adrienne Corrie als Mrs. Alexander Schnitt: Bill Butler
 Miriam Karlin als "Catlady"  Musik: Wendy Carlos, Motive von L.v. Beethoven u.a

Besprechung:

Inhalt:

Alex DeLarge lebt mit seiner Familie im London des Jahres 1983 (aus Produktionssicht zwölf Jahre in der Zukunft). Er ist intelligent und liebt Beethoven, schwänzt aber permanent die Schule und verschläft den Tag. Gemeinsam mit seinen „Droogs“ Pete, Georgie und Dim lebt er in einer von Spießigkeit und einer faschistoiden Regierung geprägten Gesellschaft seine drogengeschwängerten Gewalt- und Sexfantasien aus. Die Bande verprügelt wehrlose Obdachlose, liefert sich Schlägereien mit anderen Gangs und terrorisiert vergewaltigend die Vororte der Stadt. Eines Tages treibt er es zu weit und verprügelt seine Freunde, um seine Machtposition zu stärken. Darauf hin locken sie ihn in eine Falle. Sie führen ihn zum Haus der allein lebenden „Catlady“, die von Alex geschändet und getötet wird.

 

Der junge Mann erhält vierzehn Jahre Haft, bekommt aber nach zwei Jahren die Chance auf Entlassung, als er sich einem Regierungsexperiment unterzieht, dass es ihm künftig unmöglich machen soll, Gewalt an anderen Lebewesen auszuüben. Die Gehirnwäsche gelingt und Alex wird entlassen. Fortan ist er aber den Racheakten derjenigen ausgesetzt, die er zuvor gepeinigt hat. Wie soll er in einer Gesellschaft leben, die seine Läuterung weder akzeptiert, noch interessiert - die selbst von Gewalt und Egoismus geprägt ist und in der er nunmehr ein Lamm unter Wölfen ist?...

 

Fazit:

Einem Film wie Uhrwerk Orange innerhalb der eng gesteckten Grenzen einer Seite wie dieser gerecht zu werden, ist grundsätzlich ein unmögliches Unterfangen. Seine technische Brillanz, sowie die schauspielerischen Meisterleistungen sind unumstritten und sollen daher hier nur am Rande erwähnt werden. Allein die Perfektion der Bildkompositionen, des Einsatzes der Kamera und des Schnittes lassen das Werk als strahlenden Stern am Genre-Himmel erscheinen. Wichtiger als das erscheint mir aber, dass der Film seit nunmehr über fünfundvierzig Jahren unter Kritikern und Filmwissenschaftlern heftige Kontroversen auslöst, die wohl nie abschließend beigelegt werden können. Das Werk bietet einen breit gefächerten Interpretationsansatz, der zahlreiche Deutungen zulässt und inhaltlich Stil- und Kunstelemente einbindet, die so gar nicht zu den Kernthemen zu passen scheinen.

 

Das der Perfektionist Stanley Kubrik eine grundsätzlich pessimistische Weltsicht pflegte, ist hinreichend bekannt. So verwundert es nicht, dass Gewalt eines seiner zentralen, immer wieder aufgegriffenen Themen war. Schon „Spartacus“ (1960) löste aufgrund seiner (für die damalige Zeit) überharten Gewaltdarstellungen Kontroversen aus. Die homoerotischen Anspielungen wurden gar vollkommen aus dem Werk verbannt und erst 1991 in einem Director' s Cut dem allgemeinen Publikum zugänglich gemacht. Auch in „Shining“ (1980) und „Full Metal Jacket“ (1987) spielt Gewalt eine der zentralen Rollen. Doch in keinem anderen Werk des brillanten Künstlers sollte die fast voyeurhafte Ästhetisierung derselben so heftig diskutiert werden, wie in Uhrwerk Orange. Das führte zu teils drastischen Urteilen der Kritiker. So schrieb ein Rezensent im New Yorker:

 

„Literal-minded in its sex and brutality, Teutonic in its humor, [...] A Clockwork Orange might be the work of a strict and exacting German professor who set out to make a porno-violent sci-fi comedy. […] The numerous rapes and beatings have no ferocity and no sensuality; they’re frigidly, pedantically calculated, and because there is no motivating emotion, the viewer may experience them as an indignity.“(„Geradezu buchstäblich in seiner Darstellung von Sex und Brutalität, teutonisch im Humor, könnte A Clockwork Orange das Werk eines strengen und exakten deutschen Professors sein, der auszog, um eine pornografisch-gewalttätige Comedy zu inszenieren.[...] Die zahlreichen Vergewaltigungen und weitere Gewalttätigkeiten zeigen weder echte Wildheit, noch Wolllust; sie sind frigide, pedantisch geplant. Und weil es keinerlei emotionale Motivation gibt, wird der Zuschauer sie als Erniedrigung erleben“) [zitiert nach Schäfer, Medienobservationen]. Doch trifft eine derartige Einschätzung zu? Sind die in diesem umstrittenen Kunstwerk gezeigten Exzesse tatsächlich motivationslos? Führen sie überhaupt zum Kernthema?

Im Gegensatz zu 2001 – Odyssee im Weltraum, nimmt der Zuschauer keine Beobachterposition ein. Bereits die erste Einstellung, die sich voll und ganz auf die Hauptfigur konzentriert, bindet den Betrachter an Alex, lässt ihn das Geschehen aus der Perspektive des Ich-Erzählers erleben.  Kubrik treibt diesen Blickwinkel quasi auf die Spitze, in dem der Schläger nicht nur als Erzähler fungiert, sondern immer wieder die Anrede „meine Brüder“ wählt. Der Film lässt dem Außenstehenden somit keine andere Wahl, als die Geschichte aus einer fast drastischen Distanzlosigkeit zu erleben. Die sich zurückziehende Kamera stellt den Protagonisten anschließend näher vor, indem sie ihn als Chef der "Droogs", einer brutalen Bande von  Soziopathen, identifiziert. Zu guter Letzt gibt sie dann den Blick auf die in Pop Art Elemente getauchte Schrecklichkeit preis, der wir in den nächsten zwei Stunden gewahr werden.

 

 

Tatsächlich steckt der Film voll von mehr oder weniger deutlicher Symbolik und setzt Kontrapunkte, die es in dieser Form nie zuvor in einem Film gegeben hatte. Fast bis ins Unendliche verlängern sich die Schatten der vier Droogs, bis eine gute Portion „Ultraviolence“ über einen Obdachlosen hereinbricht, nur weil er da zu sein scheint. Eine Schlägerei mit einer, in Nazikostümen gekleideten, Bande schließt sich an, nur um in einer gerade zu bunten, aber äußerst brutalen Vergewaltigung im eigenen Heim eines Schriftstellerehepaars zu enden. Dabei verwendet Kubrik alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel, um das Geschehen einerseits so drastisch wie seinerzeit möglich zu inszenieren, verharmlost es aber im selben Atemzug wieder. Die scheinbar sinnlose Gewalt gegen den Schriftsteller wird von Alex genüsslich durch Tanzeinlagen und ein fröhlich geschmettertes „Singing in the Rain“ geradezu zelebriert. Die Vergewaltigung der Ehefrau, sowie auch später der „Catlady“, wird als „the old in-out in-out game“ verballhornt. Der schrecklichen Tat ist somit jedweder Bezug zum Opfer genommen. Selbst im Glauben findet der Hooligan nichts, als die Lust an Perversion. Als er im Gefängnis die Bibel liest, ist es nicht etwa die Bergpredigt, die seinen Geist berüht, sondern seine Fantasie, die ihn als genüsslichen Peiniger Jesu Christi wünscht. Diese Fantasie gipfelt schließlich darin, dass Alex selbst zum Opferlamm wird, indem ihm die Dornenkrone einer unmenschlich anmutenden, allmächtigen Wissenschaft aufgesetzt wird.

Als Kontrast dazu zeigt Kubrik DeLarge als Liebhaber Beethovens. Mehr noch: er wird zu Beethoven, wenn er denselben Gesichtsausdruck wie auf dem Poster in seinem Zimmer annimmt, oder in einem, dem Stil der Romantik entlehnten, Kostüm einen Plattenladen aufsucht. Seine Lust an Sex, Gewalt und Beethoven sind für ihn Stränge, die zu einem unzerreißbaren Seil der ungehemmten Lust verknüpft sind. Oft wurde sich die Frage gestellt, wie diese Kontrapunkte zusammenpassen könnten, ob die Wahl Beethovens gar ein weiteres Indiz auf Kubriks Kritik an faschistischen Systemen sei. Diese Frage kann nicht abschließend beantwortet werden. Meiner Ansicht nach dient die Musikauswahl in 2001 – Odyssee im Weltraum demselben Zweck wie in dem hier besprochenen Werk – der überzeichnenden Kontrastierung zweier ohnehin wahrnehmbarer Extreme. Die warme Musik des Donauwalzers steht der Kälte der großen Stahlkonstruktion im schwarzen All entgegen, Beethoveens neunte Symphonie dem Schrecken, den Alex in purer Egozentrik für sich als Lustgewinn definiert. Er ist der Wahrnehmung des wahrhaft Schönen (der Musik Beethovens) absolut fähig. Dennoch ist sie Teil eines gelebten moral-ethischen Nihilismus, der Verneinung der westlichen Werte an sich, die sich für das Bürgertum zur Enstehungszeit des Films in der Bildung jugendlicher Subkulturen manifestierte.

 

Dieser extrem verstörende, zynisch satirische Stil, lässt den Zuschauer zunächst ratlos nach einem tieferen Sinn suchen bis er feststellt, dass es keinen zu geben scheint. Erst bei näherem Hinsehen wird dieser, oberflächlich betrachtet, offenbar. Bereits in der ersten Szene wird deutlich, dass Gewalt in der Welt des jungen Alex allgegenwärtig ist. Sie ist Mittel und Zweck eines tendenziell faschistoiden Staates nämlich, der eine luststeigernde Droge namens Vellocet-Milch plus legalisiert, die genau richtig ist, „wenn man Lust hat auf ein wenig Ultra-Brutale“. Diese Instrumentalisierung seitens einer buchstäblichen Staatsgewalt wird fast bis ins Maßlose gesteigert und führt zur Vermutung, dass Alex ein Rebell ist, der im Aufbegehren gegen Bourgeoise und Staatsgewalt selbst zum Gewalttäter wurde.

 

 

Dieser Eindruck verblasst jedoch, wenn Kubrik endlich zum Kernthema seines Meisterwerkes vorstößt: der Angst vor dem Verlust des freien Willens für ein angeblich höheres Ziel. So wird der wohl wichtigste Monolog ausgerechnet der Nebenfigur des Gefängniskaplans in den Mund gelegt: „Ja, was ist mit der freien Entscheidung? Dieser Junge konnte sich niemals frei entscheiden. Selbsterhaltungstrieb und Angst vor physischen Schmerzen trieben ihn zu dieser grotesken Schau von entwürdigender Selbstverleugnung. Diese Heuchelei ist leicht zu durchschauen. Er ist kein Übeltäter mehr. Aber er ist auch keiner moralischen Entscheidung mehr fähig.“ Alex wurde brutal und wehrlos, aber freiwillig, einer Gehirnwäsche unterzogen und ist fortan nicht mehr fähig, anderen ein Leid zuzufügen und seines freien Willens beraubt. Dafür widerfährt ihm nun Auge um Auge das, was er seinen Opfern angetan hat. Obdachlose prügeln in fast zu Tode, seine Droogs sind nun als Polizisten Teil der Staatsgewalt und versuchen ihn, jeglicher Kontrollmechanismen befreit, zu ertränken. Der zum Krüppel geschlagene Schriftsteller foltert ihn mit der Musik, die Alex einst so liebte. Das treibt ihn letztlich in einen Selbstmordversuch. Dieser überaus interessante dystopische Ansatz wird  leider durch ein Filmende torpediert, dass dem Grundgedanken des Romans widerspricht. Hier wie dort werden die Auswirkungen der Gehirnwäsche wieder rückgängig gemacht, doch nimmt Alex' Leben in Anthony Burgess Geschichte doch noch eine positive Wendung, während er im Film nach einer Befreiung geradezu zur Auslebung seiner fürchterlichen Fantasien legitimiert und staatlich instrumentalisiert wird.

 

Kubrik versäumte es somit, ein deutliches Statement gegen das zu hinterlassen, was er mit seinem Werk zu kritisieren suchte. Damit setzte er sich  zurecht dem harten Urteil der Rezensenten aus, die dem Regisseur einen unangemessenen Hang zur Darstellung sinnloser Gewalt attestierten. Diese Einschätzung führte dazu, dass das Werk immer wieder zensiert und in Großbritannien jahrelang gar nicht gezeigt wurde. Und tatsächlich machten sich gewaltverherrlichende Subkulturen wie Skinheads und Ultra-Fans den Film zu eigen, kopierten den Kleidungsstil der Droogs und sahen Alex als Vorreiter einer gegen das Establishment aufbegehrenden Jugend. Dieses Ergebnis lag sicherlich nicht in der Absicht des Regisseurs. Doch ohne klare Botschaft und ohne eine gewisse Führung, lässt der Film nun einmal die Möglichkeit offen, ihn als Aufforderung zur ungezügelten Randale zu verstehen. Die Tatsache, dass das Ausleben, auch eines soziopathisch geprägten „freien Willens“, anscheinend gerade von einem künstlerischen Genie propagiert wird, lässt diese Tatsache in einem noch brisanteren Licht erscheinen.

 

 

Uhrwerk Orange ist und bleibt dennoch ein künstlerisches Meisterwerk, dass ebenso in die Sammlung jedes Science Fiction Fans gehört, wie 2001 – Odyssee im Weltraum. Doch anders als dieser bietet der Film keine letztlich positivistische Sicht auf die Menschheit, im Gegenteil. Mit seinem Ende setzte Kubrik sein Werk einer völlig unnötigen Kritik aus, die sich hätte vermeiden lassen, wenn er sich näher am Ende der literarischen Vorlage orientiert hätte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dem Workaholic und Perfektionisten  entgegen einiger Annahmen nicht nur die gekürzte Fassung zur Verfügung stand, sondern die eigentliche Absicht des Romanautors kannte. Schade ist lediglich, dass er sich hier gegen Burgess entschied.

persönliche Bewertung: 5/6