Arrival, original: Arrival (2016)

21 Laps Entertainment, FilmNation Entertainment, Lava Bear Films, Xenolinguistics, Blu Ray: Sony Pictures;

Produktionsland: USA, Länge: 116 Minuten

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Darsteller Team
Amy Adams als Dr. Louise Banks Regie: Dennis Villeneuve
Jeremy Renner als Ian Donnelly Produktion:  D. Linde, D. Levine, S. Levy, K. Lunder, A. Ryder
Forest Whitaker als Colonel Weber Drehbuch: Eric Heisserer
Michael Stuhlbarg als Agent Halpern Kamera: Bradfort Young
Tzi Ma als General Shang Schnitt: Joe Walker
 Mark O´Brien als Captain Marks Musik: Jóhann Jóhannsson

Besprechung:

 

Inhalt:

Eines Morgens landen zwölf mysteriöse Raumschiffe in unterschiedlichen Regionen überall auf der Welt, eines davon im US Bundesstaat Montana. Niemand weiß woher sie kamen, oder was der Zweck ihres Auftauchens ist. Schnell findet die Presse einen Namen für die vierhundertfünfzig Meter hohen, schwarzen Objekte: „Muscheln“. Erste Kontaktaufnahmen verlaufen jedoch erfolglos. Um eine um sich greifende Panik einzudämmen, beauftragt das Militär unter Führung von Colonel Weber die Linguistin Dr. Louise Banks und den Mathematiker Ian Donnelly, sich den unverständlichen Denkstrukturen der Außerirdischen zu nähern.

In Montana angekommen begeben sich die beiden Wissenschaftler als Leiter eines jeweils eigenen Teams an die Arbeit. Alle achtzehn Stunden stellen die Aliens in ihrem Schiff einen Druckausgleich her und sorgen für atembare Atmosphäre. So ist es den Teams möglich, Kontaktversuche zu wagen. Der erste Anblick der riesigen, krakenähnlichen Wesen ist erschütternd. Zwei von ihnen, von Banks und Donnelly scherzhaft „Abott“ und Costello“ genannt, erscheinen täglich hinter einer großen transparenten Wand, um die Kommunikation zwischen den so unterschiedlichen Spezies voranzutreiben. Die ersten Versuche verlaufen ernüchternd, bis Dr. Banks sich der Sache aus rein linguistischen Gesichtspunkten nähert. Mit Stift und Tafel bewaffnet gelingt es ihr, den Außerirdischen die Grundformen des Englischen zu erläutern und entlockt ihnen erste Schriftzeichen. Im Laufe der nächsten Tage wächst das gegenseitige Verständnis, bis „Abott“ eines Tages ein Logogramm mit der Bedeutung „Waffe schenken“ schreibt. Von nun an überschlagen sich die Ereignisse. Der Kontakt zwischen den zwölf besuchten Nationen bricht ab und jedes Land versucht, für sich den größten Vorteil aus der Situation zu schlagen. Die Eskalation scheint unabwendbar...

 

Fazit:

 

Arrival ist einer der bemerkenswertesten Science Fiction Filme der letzten Jahre. Ungewöhnlich strukturiert nähert er sich seinem Publikum auf zwei Ebenen ohne große Effekthascherei. Der Streifen basiert auf der Kurzgeschichte Story of your Life (1999) des US amerikanischen Schriftstellers Ted Chiang. Der 1967 in Long Island geborene Autor ist in Deutschland vor allem durch seine beiden im Golkanda Verlag erschienen Werke Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes und Das wahre Wesen der Dinge bekannt geworden. Seine Werke erhielten für seine tiefen Einblicke in die menschliche Psyche überaus positive Kritiken. In der auf der aktuell erschienen Blu Ray enthaltenen Dokumentation „Xenolinguistik: Arrival verstehen“ beschreibt Chiang seine Liebe zu Genre: „Für mich geht es bei Science Fiction nicht um Spezialeffekte oder große Schlachten zwischen den Kräften des Guten und Bösen. Science Fiction will durch die Linse spekulativer Szenarien das menschliche Wesen ergründen.“

 

Im Grunde ist es diese Essenz, die Regisseur Denis Villeneuve und Drehbuchautor Eric Heisserer so denkwürdig herausgearbeitet haben. Arrival funktioniert nicht in den uns vertrauten Bahnen, sondern versucht einen neuen, nicht lineraren Erzählstil zu etablieren. Die dabei aufkommenden Fragen sind ebenso anregend, wie essentiell. So fragt die Figur der Dr. Louise Banks nicht zufällig am Ende des rund einhundersechszehn Minuten langen Werks: „Wenn Du weißt, dass Dein Kind sterben wird, würdest Du es dann immer noch bekommen?“ Diese sehr konkrete und bedrückende Frage lässt sich sehr leicht auf eigene Bedürfnisse zuschneiden und erweitern. Was wäre, wenn Du nicht mehr lange zu leben hättest und es wüsstest? Wie würde Dein Leben von nun an verlaufen? Derartige Fragen berühren das Innerste unsere Seele und lösen gar ein Gefühl des Unbehagens, vielleicht sogar Angst in uns aus. Diese, allerdings für viele Menschen sehr reale Situation, lässt sich wiederum auf die Frage unserer Wahrnehmung von Zeit an sich ausweiten. Für uns Menschen ist Zeit ein linearer Begriff, der sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gliedert. Doch trifft diese Einschätzung zu? Die oben erwähnten Personengruppen können ihre Zukunft, oder das Ende derselben, sehr wohl voraussehen. Für sie funktioniert die Zeit daher in die andere Richtung. Sie geht von ihrem unabwendbaren Lebensende aus und beeinflusst so ihre Entscheidungen in der Gegenwart.

 

Neben dieser interessanten Betrachtungsweise offeriert uns Arrival einen weiteren Grundgedanken. Was wären wir Menschen ohne die Möglichkeit der komplexen verbalen Kommunikation? Um sich dieser, für den Film so wichtigen, Frage zu nähern, wurde eigens die Linguistin Jessica Coon an Bord geholt, die dem Skript entscheidene Impulse für die wichtigen Sequenzen der Interspezies-Annäherung geben konnte. Die Art, wie sich Banks und Donnely der von allen menschlichen Konzepten so unterschiedlichen Sprache und Schrift nähern, ist also nicht unrealistisch und sorgt für ungeahnte Spannungsmomente. Die Art des Umgangs mit Sprache  ist eine der anregendsten Erfahrungen in diesem großartigen Streifen. Tatsächlich arbeitete das Filmteam monatelang an einer Reihe von linguistischen Konzepten, die aber insgesamt zu vertraut wirkten. Schließlich orientierte man sich am Abwehrmechanismus von Tintenfischen und entwickelte auf dieser Grundlage eine sinnvolle Sprache auf Logogrammbasis. Logogramme sind Schriftsystemzeichen, die nicht alphabetisch funktionieren, sondern eher Silben oder Wortteile darstellen.

Auch diese Idee wurde nicht ohne Hintergrundgedanken etabliert. Denn genauso schwierig, wie die Verständigung der so unterschiedlichen Spezies, gestaltet sich auch die der menschlichen Völker. Im Verlauf der Geschichte bricht der Kontakt der betroffenen Regionen und Nationen ab und Misstrauen nimmt den Platz der vertrauensvollen Zusammenarbeit ein. Es droht eine Eskalation, wie wir sie derzeit auch auf unserem Planeten immer stärker spüren können. Wenn wir nicht einmal in der Lage sind mit unserem Umfeld zu kommunizieren, wie sollen wir dann ein Verständnis für das große Ganze erlangen? Wenn wir die Beweggründe unseres türkischen, afrikanischen oder asiatischen Nachbarn nicht nachvollziehen können - oder nicht bereit sind, mit dem AfD wählenden Kollegen in die sachliche Diskussion zu treten, wie soll dann ein friedliches Miteinander funktionieren? Auch dies sind essentielle Fragen, denen sich Arrival unter Zuhilfenahme dieses brillant ausgearbeiteten Science Fiction Szenarios nähert.

Zum großen Vergnügen des Zuschauers sind die oben genannten Themen in keinster Weise trocken verpackt. Mit Amy Adams (u. a. Man of Steel) traf man eine hervorragende Wahl. Adams stellt die verletzliche Seite ihrer Figur gefühlvoll dar, arbeitet aber auch ihren unglaublichen Mut und die nahezu unstillbare Neugierde heraus, die Dr. Louise Banks auszeichnet. Sie ist der wahrhaft starke Charakter die sich ihrer Zukunft nicht verweigert, obwohl sie weiß, welchen Schmerz sie ihr bringen wird. Unterstützt wird die Schauspielerin hervorragend von ihrem  US-amerikanischen Kollegen Jeremy Renner, der Fans eher aus seinen Auftritten in der Mission Impossible-Reihe oder als „Hawk“ in den derzeit so beliebten Marvel' s Avengers Filmen ein Begriff sein dürfte. Spätestens mit diesem Werk beweist er seine Vielfältigkeit. Ohne Schwierigkeiten ordnet er sich einer weiblichen Hauptfigur unter und unterstützt sie grandios, ohne dabei selbst zuviel Raum einzubüßen. Über Forrest Whitaker muss an dieser Stelle wohl nicht viel gesagt werden. Seine über vierzig Auszeichnungen, darunter der Oscar, der Golden Globe und der British Academy Film Award, sprechen eine deutliche Sprache in Bezug auf seine Schauspielkunst. Colonel Weber präsentiert er als einen Soldaten, der sein Bestes gibt, um eine Eskalation zu vermeiden. Militärisch unkonventionell lässt er den beiden Wissenschaftlern freie Hand, um einen Kontakt herzustellen und den Grund der Ankunft der Aliens zu erfahren. Letztlich hat er aber doch keine andere Wahl, als den Befehlen seiner Vorgesetzten zu gehorchen.

 

Auf das Thema Spezialeffekte soll an dieser Stelle nicht sehr weit eingegangen werden. Sie unterstützen den Film, tragen ihn aber nicht, was ich in der heutigen Zeit für einen erfrischenden Ansatz halte. Statt zahlreicher Aufnahmen vor dem Green Screen setzt Regisseur Dennis Villeneuve, wenn möglich, auf gebaute Sets. So ist der Tunnel, der zur großen transparenten Wand führt, hinter dem „Abott“ und „Costello“ agieren, tatsächlich echt und nicht computergeneriert oder künstlich verlängert worden. Wesentlich interessanter als derartige Details ist in diesem Fall der organische Score von Jóhann Jóhannsson. Obwohl sich der Sound oft sphärisch, fast mystisch ausnimmt, arbeitete der isländische Komponist hier überwiegend mit  Instrumenten, statt am Computer. So wurden etwa Klaviertöne in sechszehn Spuren auf einem Magnetband übereinander gelegt, Chöre engagiert, anstatt elektronisch Stimmen zu erzeugen oder auch orchestrale Klänge übereinander gelegt und so abgemischt, dass sich eine überaus interessante Filmmusik daraus ergibt. Zusammen mit der fantastischen Kameraarbeit, die eine herbstliche, bedrückende Stimmung erzeugt und teils wundervolle Bilder liefert, sind die Anklänge an das Arthousekino hier nicht zu verleugnen.

Alles in allem ist Arrival für mich ein großartiger, im wahrsten Sinne des Wortes phantastischer Film – eine echte Ausnahmeerscheinung in der großen, bunten Popcorn-Kino-Welt. Wer auf Heimkino mit Sinn und Verstand seht, wer seinen Kopf einzuschalten und mitzudenken vermag, der wird an diesem Werk seine Freude haben.

persönliche Bewertung: 6/6